Milgram Experiment kritisch gesehen

Da hatte ich mein erstes Posting über das Milgram Experiment geschrieben. Es erreichte mich eine eMail, die ich veröffentlichen darf, in welcher die Meinung von Erich Fromm zum Milgram Experiment zum Ausdruck gebracht wird. Das Milgram Experiment wird von Erich Fromm kritisch gesehen, wobei sich natürlich jeder selbst fragen kann, wie er sich in der Experiment Situation verhalten hätte.

Das Anliegen Milgrams war es zu belegen, wie stark ausgeprägt die Gehorsamstendenzen in der amerikanischen Gesellschaft waren und daß man Menschen ohne äusserlichen Zwang zu Verhaltensweisen konditionieren kann, die ihnen eigentlich widerstreben mußten. Die Versuchsanordnung war darauf ausgerichtet, dass die Versuchspersonen wirklich frei in ihren Entscheidungen waren, den Anordnungen der wissenschaftlichen Autoritäten bis zum Abschluss des des “Experiments” Folge zu leisten oder eben dieses nicht zu tun. Die $4.75, die jedem Teilnehmer als Aufwandsentschädigung bezahlt wurden, waren verdient, sobald eine Versuchsperson an dem Experiment teilgenommen hatte – also ausdrücklich nicht erst, wenn der “Versuch” tatsächlich abgeschlossen war. Weiterhin sollte den “Lehrern” völlig klar sein, was sie da taten, von daher der Auftrag, die Voltzahl, mit der sie den “Schülern” Stromschläge verabreichten, jedesmal vorher laut aufzusagen. Dabei mußte die Voltzahl mit jedem Fehler eines “Schülers” einen Strich höher gestellt werden. – Die Teilnehmer wurden scheinbar willkürlich als Schüler oder als Lehrer eingeteilt, das Los entschied, welches jedoch natürlich gezinkt war, so daß die in das Experiment eingeweihten Personen immer die “Schüler” abgaben. Um die Täuschung perfekt zu machen, wurden die Schüler eine Vorrichtung im Nebenraum angeschnallt, die an einen elektrischen Stuhl erinnerte, “damit sich der Lernende während des Schocks nicht zu heftig bewegt oder das Experiment vorzeitig abbricht”. Die Hand- und Fußgelenke der “Lernenden” wurden mit Elektrodensalbe eingeschmiert, ab 300 Volt wummerten sie “vor Schmerz” an die Wand. Wenn ein Proband frage, ob denn den “Schülern” nicht passieren könnte, so erhielt er zur Antwort: ” Wenn die Stromstöße auch schmerzhaft sind, so bleiben im Allgemeinen doch keine bleibenden Schäden zurück, da kein Gewebe zerstört wird”. Sobald ein Proband zögerte, den Schock-Generator weiter zu betätigen, wurde ihm bestimmt, aber nicht unhöflich oder gar drohend nahegelegt, doch weiterzumachen.

Man merkt so etwas wie Häme bei Milgram über seinen gelungenen Streich. Das Ergebnis war, daß lediglich 35 % der Versuchspersonen es ablehnten, das Milgram Experiment bis zum Ende durchzuführen. Die Mehrheit der restlichen Probanden zeigte deutliche Anzeichen von Stress, bei dem, was sie da tun sollten, und eine kleine Minderheit der Probanden befolgte die Anordnungen sogar gelassen, schien sich also um dem “Schmerz” der “Schüler” nicht zu scheren.

Erich Fromm bestreitet, daß das Ergebnis des Versuchs die oben vorgestellte Hypothese MIlgrams stütze.
Milgram behauptet, dass es es ein fundamentaler Grundsatz sei, “einen anderen Menschen nicht gegen seinen Willen zu verletzten. Trotzdem wichen 26 Versuchspersonen von diesem Grundsatz ab und folgten den Anweisungen einer Autoritätsperson, die über keine spezielle Macht verfügte, ihren Befehlen Geltung zu verschaffen…”

Hier stockt er schon, der Erich Fromm.

“Haben wir wirklich gelernt, anderen Menschen keinen Schaden zuzufügen?
Offenbar lernt man das im Religionsunterricht. In der realistischen Schule des Lebens dagegen lernen die Kinder, daß sie ihren eigenen Vorteil wahrnehmen müssen, selbst wenn sie damit anderen Menschen Schaden zufügen.”

Dann geht Erich Fromm detailliert auf die geschilderten Stressreaktionen der gehorsamen Versuchspersonen ein.
Die Leute rangen die Hände und zerrten an ihren Ohrläppchen. Bei mehreren Versuchspersonen wurden unbeherrschte, völlig bizarre Anfälle von nervösem Lachen beobachtet. Einer sagte: “Oh Gott, wenn das doch bald aufhörte”

Erich Fromms Schlussfolgerung lautet:
Die Untersuchung zeige in Wirklichkeit “das Vorhandensein eines Gewissens bei den meisten Versuchspersonen und ihr Schmerz darüber, dass der Gehorsam sie zwang, gegen ihr Gewissen zu handeln. ”

Was die wenigen, leider zahlenmässig nicht genau ausgewiesenen Personen betrifft, die ohne Widerstreben grausame Handlungen ausführten, so meint Fromm, dass die Grausamkeit sie wohl befriedigte, und sie keine Gewissensbisse hatten, “weil ihr Verhalten von der Autorität sanktioniert wurde.”

This entry was posted on Freitag, April 2nd, 2010 at 3:42 pm and is filed under Psychologie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

4 Responses to “Milgram Experiment kritisch gesehen”

  1. unimatrix_zero Says:

    Ich kann dazu nur sagen das je zufriedner ein Individuum ist desto weniger ist es bereit einem anderen schaden zu zufügen.
    Aber Fromm hatte Recht, unser “unbewusstes” ist ein riesen Speicher und läßt nichts unbewertet!

  2. Gerold Says:

    Ich glaube auch nicht, dass ich solch schlimme sachen überhaupt machen könnte.

  3. saibot Says:

    “…der Gehorsam sie zwang…”
    Genau das war m.E. auch der Hintergrund. Zu zeigen, dass die eigene Schuld, sowie sie abgeschoben werden kann, nicht mehr als so gravierend empfunden wird. Dazu gibt es auch andere, verifizierende Studien.
    Zumdem wurde das Experiment vielfach wiederholt (mit und ohne Autorität) und die Ergebnisse waren stets niederschmeternd aber ohne Autoritätsperson weniger signifikant.
    M.E. ein wichtiges Experiment, das mit vielen moralischen Traumvorstellungen in den USA aufgeräumt hat.

  4. Pit Says:

    In sado-masochistischen Rollenspielen genießen beide Parteien ihre Rolle, der eine als Gequälter, der andere als Quäler. Gibt es also, zumindest bei einigen Menschen, eine grundsätzliche Disposition für solche Szenarien? Entscheidend ist natürlich das gegenseitige Einvernehmen. Wie auch immer, in welchem Zusammenhang stehen diese beiden Phänomene, Milgram-Experiment, und einvernehmliche sado-masochistische Rollenspiele?

Leave a Reply