Primaertherapie oder Urschreitherapie

Bemerkungen zur Primärtherapie (auch Urschreitherapie genannt) von einem ehemaligen Patienten.

Ich hatte mich damals im Alter von 20 Jahren der Primärtherapie Arthur Janovs unterzogen, und ich bin – zumindest vordergründig – über die intellektuelle Schiene darauf gekommen. Alle Grundannahmen und Grundaussagen dieser neuen Therapieform schienen mir offenkundig wahr zu sein, da sie sehr viel Erklärungskraft besaßen und sich nahtlos in das rational-wissenschaftliche Weltbild einfügten, das auch mir durch die Schule vermittelt worden war. Ähnliches konnte man etwa von den Freud’schen Prämissen nicht behaupten – warum sollte beispielsweise in jeder Mutter-Kind-Beziehung ein so genannter “Ödipus-Komplex” angelegt sein, da die Natur doch nichts Unlogisches tut ?

Auch auf der emotionalen Ebene schien mir Janov einfach richtig zu liegen, er bezog eindeutig Stellung für die Kinder, die “größte unterdrückte Minderheit auf der Welt”, die über ihre Eltern für kranke und krankmachende Gesellschaftsordnungen zugerichtet werden. Man kann durchaus sagen, dass ich durch Janovs Schriften zum selbstständigen Denken erwacht bin.

Also, Janov sieht alle Neuroseformen als Folge eines Überlebensmechanismus’ an. Ein Säugling, dessen einfache Bedürfnisse nach Sicherheit, Körperkontakt, Nahrung, Trockenliegen usw. nicht erfüllt werden, empfindet einen diffusen Schmerz (“Primal Pain”), welcher ab einer bestimmten Stärke (“Valenz”) die Integrität des Organismus’ bedroht. Die Neurose spaltet einen solchen lebensbedrohenden Schmerz vom Bewusstsein ab, indem sie das schmerzauslösende Bedürfnis selbst mit in das Unterbewusstsein hinabzieht. Damit ist das Weiterleben erst einmal gesichert, anders als ein Tier stirbt ein junger Mensch nicht, wenn er in eine lebensfeindliche oder schwierige Umgebung hineingeboren wird.

Das Verdrängte hat jedoch die Tendenz, sich wieder ins Bewusstsein drängen zu wollen und versucht später, im Erwachsenenalter, sich auf symbolische Weise in der Gegenwart für das alte, reale, frustrierte Bedürfnis Befriedigung zu verschaffen. Das heißt, das Verdrängte stellt das erwachsene Bewusstsein in seinen Dienst, verzerrt oder manipuliert dessen Wahrnehmungen und verhindert in vielen Dingen, dass der Erwachsene den realen Aufgaben des Lebens gerecht wird. Das Verdrängte bildet ein irreales Selbst aus, das die die verschiedensten Erscheinungsformen haben kann und eine beständige Energiezufuhr des Betroffenen erfordert.

Eine wirkliche Erfüllung eines symbolischen irrealen Bedürfnisses ist niemals möglich, es kann allenfalls, solange die Neurose nicht durch die Primärtherapie geheilt wird, eine zeitweilige Erleichterung eintreten. Scheint ein symbolisches Bedürfnis einmal erfüllt worden zu sein, so verlangt der Betroffene stets nach einer weiteren, noch intensiveren Gratifikation. Der alte Urschmerz besteht ja fort.

Verdrängung findet abhängig von der Konstitution des Patienten und seiner Lebensgeschichte schwerpunktmäßig entweder auf der körperlichen, oder der emotionalen, oder der intellektuellen Ebene statt. Je früher in der Kindheit das Trauma erlebt wurde, desto wahrscheinlicher ist, dass es im Erwachsenenalter auf der körperlichen Ebene ausagiert wird. Jemand der raucht, trinkt oder illegale Drogen nimmt, unterdrückt sich selbst und seine Lebensgeschichte vermittels seines Körpers.

Ein Mann mit einem Drang, Frauen beim Sex schlagen zu wollen, hat eine Neurose auf der emotionalen Ebene ausgebildet. Er will vielleicht in Wirklichkeit seine Mutter schlagen, auf einer tieferen, ursprünglicheren Ebene jedoch ist er verletzt wegen eines Mangels an Zuwendung.

Sein Trauma fiel in eine Lebensphase, in der Gefühle bereits eine Bedeutung hatten. (Einen Säugling kann man mit Worten oder zurücksetzendem Verhalten nicht beleidigen, bei ihm spielt sich alles noch sehr weitgehend auf der körperlichen Ebene ab).

Auf der intellektuellen Ebene manifestiert sich die Neurose in religiösen Systemen, verschrobenen politischen Überzeugungen oder fixen Ideen.

Selbstverständlich sind in der Realität regelmäßig alle drei Bewußtseinsebenen in die Verdrängung miteinbezogen, aber mit unterschiedlichen Anteilen.

Ein gesunder, vollkommener Mensch ist nach Janov jemand, der nicht seine Vergangenheit mit sich herumschleppt und der seine ganze Kraft dazu verwenden kann, sich in der Gegenwart zu verwirklichen. Bei Freud ist der geheilte Patient derjenige, der über gut ausgebildete Kontrollen seines Selbst verfügt. Eine gute Selbstbeherrschung und gutes Funktionieren besagt nach Janov lediglich, dass die Neurose intakt ist, nicht, dass der Mensch ein erfülltes Leben führt. Ein erfülltes Leben im Sinne der Primärtheorie heißt, dass man fühlen kann (fühlen ist nicht zu verwechseln mit Emotionalität, deren übersteigerte Form eine Spielart Ausagierens sein kann). Fühlen bedeutet, die Realität als das zu erleben, was sie ist, sie intensiver und plastischer zu erleben, und mehr in seinem eigenen Körper zuhause zu sein. Die Straße ist mehr Straße, Farben werden intensiver erlebt, Menschen können leichter akzeptiert werden als diejenigen, die sie sind.

Um das Gesagte zu verdeutlichen, fällt mir hier ein Werbeslogan einer Biermarke ein: ” XYZ-Bier gibt Augenblicken Seele.”

Janov würde dazu sagen: “Drugs don’t feel, people do!”

Wie hat man sich den Heilungsprozess vorzustellen?

Die Primärtherapie lehnt es ab, mit dem kranken, irrealen Selbst oder einem Symptom in einen Dialog einzutreten. Sie will dieses kranke System auflösen, indem sie den Patienten in die Zeit zurückversetzt, in der der Primärschmerz entstand. Dies geschieht vermittels einer Reihe von Techniken: ausgehend von einem Problem, das der Patient in der Gegenwart haben mag, wird er ermuntert, sich daran zu erinnern, ob und ggf. wann er schon einmal ein ähnliches Gefühl hatte. Sofern das Problem nicht ein wirklich ernstes, real existierendes Problem der Gegenwart ist, wird der Patient Schritt für Schritt in die Vergangenheit zurückgeführt.

Erinnert sich der Patient an eine Szene in seiner Kindheit, so wird er aufgefordert, sich andere Personen dieser Szene (meist seine Eltern oder ein Elternteil) genau vorzustellen und den Raum exakt zu beschreiben. Um die Erinnerungsarbeit zu erleichtern, gehören überdimensionierte Kinderbetten, Spielzeug und Laufställe zur therapeutischen Einrichtung.

Jetzt wird der Patient aufgefordert, mit der vorgestellten Person laut zu sprechen und das auszusprechen, was der Patient als Kind nie sagen konnte und durfte.

Wenn Patient und Therapeut Glück haben, bricht sich tatsächlich eine Primärszene Bahn, die sehr verschiedene Ausdrucksformen annehmen kann. Oft weint der Patient tatsächlich wie ein Säugling, nimmt auch unwillkürlich dessen Körperhaltung ein und führt dessen Körperbewegungen aus. (Die Bezeichnung “Urschrei” ist eine reißerische und ziemlich unangemessene Bezeichnung des Übersetzers.)

Janov geht offensichtlich davon aus, dass die Konstitution des Erwachsenen in der Lage ist, den für einen Säugling oder ein Kind vernichtenden Schmerz zuzulassen, in sein psychisch-körperliches System zu integrieren, und damit aufzulösen. Dieser Gedanke scheint mir der wichtigste und auch der problematischste Teil des Janov’schen Denkgebäudes zu sein.

Janov selbst räumt ein, dass es Primärschmerzen gibt, die nicht oder kaum zugänglich sind, zum Beispiel, wenn ein Säugling eine schwierige Geburt hatte und kämpfen musste, um herauszukommen und zu überleben, Eine Einstellung, dass man um sein Leben kämpfen muss und dass Stillstand den Tod bedeutet, kann in einer solchen sehr frühen Erfahrung seinen Ursprung haben.

Nach mehr als dreißig Jahren frage ich mich: Hat sich der Aufwand gelohnt?

Ich habe damals viel Geld für die Therapie bezahlt, das ich nicht hatte und das meine Eltern aufgebracht haben, ich habe eine Berufsausbildung abgebrochen, um ein Jahr in Los Angeles in der Nähe des “Primal Institute” leben zu können; die Bedeutung einer nicht erklärbaren Lücke von einem Jahr in meinem Lebenslauf hatte ich in ihrer Tragweite unterschätzt. In dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich wieder in einer Krise.

Ich kann nicht sagen, was aus mir geworden wäre, hätte ich die Schriften Janovs nicht in die Hände bekommen. Ich weiß nicht, in wieweit ich heute noch an die Primärtheorie glaube.

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This entry was posted on Sonntag, Mai 16th, 2010 at 7:03 pm and is filed under Psychologie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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